Die Führung durch die Hamburger Staatsoper entpuppte sich als erstaunlich lebendiges Erlebnis –
und das sage ich als jemand, der Opernhäuser sonst eher von außen bewundert,
während er sich fragt, ob man drinnen wohl auch Snacks verkaufen darf.
Unsere Führerin war jedenfalls ein Energiebündel aus Fachwissen, Humor und
Ich-weiß-das-wirklich-alles-auswendig
-Brillanz.
Man hätte ihr vermutlich auch beim Vorlesen eines Telefonbuchs gebannt zugehört.
Wer glaubt, Oper sei nur Leute singen laut und sterben dann dramatisch
,
wird hier eines Besseren belehrt.
Hinter den Kulissen brodelt es nämlich wie in einer gut geölten Telenovela:
historische Eitelkeiten, künstlerische Zickereien, architektonische Experimente und organisatorische Wunderwerke.
Unsere Führerin servierte all das mit der Leichtigkeit einer Person,
die schon hundertmal erklärt hat, warum Bühnennebel nicht giftig ist.
Und zwei dieser Geschichten muss ich Euch einfach weitererzählen:
Stellt Euch vor: Zwei junge Musiker, beide ehrgeizig, beide überzeugt, dass sie das Cembalo besser bedienen als der jeweils andere. Ergebnis: ein Duell auf offener Straße. Ja, richtig gelesen – Händel und Mattheson haben sich 1704 nicht etwa mit bösen Blicken beworfen, sondern mit echten Degen. Händel überlebte nur, weil Matthesons Waffe an einem Metallknopf seines Mantels zerbrach. Moral der Geschichte: Mode kann Leben retten.
Die komplette Geschichte ist verbrieft und kann u.a. im Bachtrack eine führende, internationale Online-Plattform und Datenbank für klassische Musik, Oper, Ballett und Tanz. nachgelesen werden.
Dann wäre da noch Gustav Mahler – Dirigent, Perfektionist, teilweise despotisch und offenbar jemand,
der Flötisten zu spontanen Rachefantasien inspirierte.
Nach einer Aufführung verordnete er einem Flötisten eine zwölffache Wiederholung einer bestimmten Sequenz.
Zwölffach! Der Flötist fand das weniger pädagogisch wertvoll und wartete mit Kollegen am Bühnenausgang,
um Mahler seine Version einer zwölffachen Wiederholung einer bestimmten
. 😎
Handarbeit
näher zu bringen
Mahler hat das aber irgendwie mitbekommen und rief kurzerhand die Polizei. Und so verließ ein gefeierter Kapellmeister das Opernhaus unter Polizeischutz – vermutlich der einzige Moment, in dem er froh war, nicht noch eine Zugabe geben zu müssen.
👉 Historischer Kern, opernreife Dramaturgie drumherum – Mahler mit Polizeieskorte ist belegt, der zornige Flötist gehört sehr wahrscheinlich zur liebevoll gepflegten Opernfolklore.
Besonders beeindruckend waren die Bereiche, die man sonst nur sieht, wenn man entweder dort arbeitet oder sich sehr erfolgreich verlaufen hat:
Man bekommt ein Gefühl dafür, wie viele Menschen an einer einzigen Aufführung beteiligt sind –
und dass Oper weit mehr ist als da vorne singt jemand
.
Es ist ein gigantisches Uhrwerk aus Talent, Technik und gelegentlicher Verzweiflung.
Für gerade einmal 12 Euro p.P. (inklusive HVV-Ticket für Hin- und Rückfahrt!) bekommt man hier eine zweistündige Reise durch Musikgeschichte, Theaterhandwerk und menschliche Dramen, die selbst Netflix nicht besser schreiben könnte. Absolute Empfehlung für alle, die Oper einmal von der ehrlichen, ungeschminkten Seite erleben wollen.